Die nächste Reise en-femme: Burning Man

29 Dez

Mit meinem neuen Namen im Gepäck ging es wieder über den großen Teich. Fliegen ist inzwischen ein klacks für mich. Um nervige Fragen zu minimieren bin ich meist nicht über-femme, sondern einfach mit Jeans und Top. Das geht eigentlich ganz gut. Aber beim Abflug hatte es trotzdem für ein »das sind doch nicht sie?« und einem tiefen »dooooch« geführt. Etwas dass mich früher noch mehr aus der Ruhe gebracht hätte, aber jetzt geht es eigentlich. Schließlich ist am Horizont schon die Namensänderung. Der Name jedenfalls ist klar.

San Francisco und Burning Man waren mal wieder ein Traum. Es ist einfach unbeschreiblich und ich werde es einfach nicht weiter versuchen zu beschreiben. Fahrt hin. Gerade wenn ihr mit trans* und gender und egal was zu kämpfen habt. Fahrt hin, genießt die Freiheit, und lernt euch selbst näher kennen. Jedes mal neu, wohlgemerkt.

Ich hatte dieses Jahr auch ein bisschen Traurigkeit im Gepäck. Mein Opa war ja verstorben und ich hab die Gelegenheit nochmal genutzt mich von ihm zu verabschieden – Frieden zu finden mit dem was er uns da hinterlassen hat. Das war wunderschön befreiend, und dennoch hat mich die seit Wochen im Hintergrund schleichende Traurigkeit begleitet. Meine Beginn-Life-Crisis wie ich sie schonmal genannt hatte. Trotz all der tollen Dinge die mir wiederfahren sind, die ich erleben durfte und wie toll alles geklappt hat, trotzdem war ich etwas angeschlagen. Das »was kommt jetzt?« hing ganz groß über mir. Und ein bisschen Hoffnungslosigkeit was denn kommen könnte.

So sind sie, diese stillen Momente bei Burns. Man denk nach und kommt tiefer als man vorher dachte. Mal wieder kam auch mein Sommer-Thema mit ins Spiel: die OP. Oder wie ich inzwischen einfacher dachte „Vagina, oder nicht Vagina“. Die Burning Man Antwort war mal wieder ein Ja. Irgendwie macht auch nichts anderes Sinn. Das Ding da unten hat jedenfalls keinen großen Nutzwert mehr. Es stört mehr. Es gehört zu mir, aber es stört und fühlt sich falsch an. Es schränkt mich ein und hält mich zurück. Es stimmt einfach nicht. Aber eine Entscheidung war das noch nicht nicht…

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Der Sommer

28 Dez

Angekommen in der scheinbaren Realität, alle Outings hinter mir, Namensänderung langsam vorbereiten, Arbeit in Zukunft geregelt, schien erstmal alles einfach so vor sich hinzulaufen. Keine große Aufregung war zu sehen. Und genau dann schlich sie sich an, die letzte Frage. Die schwierigste von allen, eine die es in sich hat.

Es war mal wieder ein Burn der mich dazu gebracht hatte. Eine Freundin (ebenfalls trans*) hatte angeboten dass ich ihr gerne alle Fragen stellen kann bezüglich der OP. Und kurz darauf, eher in den Stunden und Tagen danach hat es erst so richtig angefangen. Ich hatte nämlich festgestellt dass ich gar keine Frage hatte. Nicht aus mangelndem Interesse, eher daher dass ich das Thema die letzten Jahre schön vor mir hingeschoben hatte. Ich hatte mich noch nicht entschieden ob ich diesen Schritt machen wollte.

Meine Antwort war immer ein »aktuell habe ich es nicht vor, aber mal sehen was die Zukunft bringt«. Schön aus der Affäre habe ich mich damit gezogen. Und was als Standardantwort für Neugierige startete, wurde innerlich zu meiner eigenen Antwort. Nur dass diese Antwort keine wirkliche Antwort war. Zumindest nicht wenn man sich entscheiden will. Bzw. endlich mal entscheiden sollte.

Die Frage hatte mich weiter begleitet. Nach dem Burn war eine sehr große Tendenz in Richtung der OP da. Und mit wieder Internetverbindung habe ich mir mal die Details angesehen. Also was passiert denn überhaupt bei der OP. Wie lange dauert es? Was geht überhaupt? und so weiter. Dabei bin ich auf eine seeeehr detailierte Beschreibung gestoßen (die ich gerade leider nicht mehr finde). Dort wurde Schritt für Schritt erklärt was wo gemacht wird. Letztendlich wandert alle mögliche von hier nach da, und nur ein Teil davon kommt wirklich ganz weg. Letztendlich hatte mich dieses genaue Bild der Dinge und die Risiken dann aber erstmal wieder etwas abgeschreckt.

Ansonsten verlief der Sommer ganz normal und gut. Auf einem jährlichen Geburtstagsfest, wo zwar ein paar Leut schon Bescheid wussten, mich aber noch niemand gesehen hatte, wurde ich sofort von allen so angenommen. Alte Freunde die ich seit über 10 Jahren kenne, hatten absolut keine Probleme mit neuen Namen und Pronomen und überhaupt. Ein echt wunderschönes Erlebnis dass mir mal wieder ein Dauergrinsen ins Gesicht gezaubert hatte.

Gegen Ende des Sommers und nach etwas finalen Stress in der Selbstständigkeit habe ich dann auch die Antwort von meinen Eltern zu meinem neuen (offiziellen) Namen bekommen. Letztendlich konnten sie sich nicht entscheiden. 30 Jahre früher war das einfacher – da hatte jeder einen Favouriten. Einmal männlich, einmal weiblich. Das die weibliche Version des männlichen nicht gut ist, war sofort einstimmig klar. Selbiges galt für den damaligen weiblichen Namen. Der sollte es auch nicht werden. Nach Monaten der erfolglosen Suche ohne große Begeisterung kam es dann letztendlich zu Amely. Jap, sie haben sich dann für meinen Namen entschieden. Insofern nichts worüber ich hätte klagen können. Und von meinem Veto bzw. letztendlich ja eigenen Entscheidung musste ich gar nicht weiter Gebrauch machen.

Kurzmitteilung

Ich bin noch da

28 Dez

Ich bin noch da. Und das mit der Normalität ist nicht so einfach, dazu aber demnächst mehr.

Eine Midlife-Crisis, wirklich?

20 Jun

Midlife Crisis. Ich glaub ich hab wieder sowas. Oder auch Quarterlife…, Third… wie auch immer. Das ist nicht entscheidend. Es hat sich in den letzten Wochen entwickelt. Erst dachte ich es hängt mit dem Tod meines Großvaters zusammen. Und das war und ist nicht leicht. Aber es geht dabei doch um etwas ganz anderes.

Ebenfalls in den letzten Wochen hatte ich den „Grundstein“ für die letzten verbleibenden Puzzleteile gelegt. Das Outing in der Arbeit vorbereiten. Ich fang wieder eine Festanstellung (mit ganz guten Konditionen *yay) an. Bei einen meiner Kunden, und bevor ich mich dazu entschieden hab, hatte ich mir die Rückendeckung der Chefs geholt. Und sie bekommen – für sie war es selbstverständlich. Stück für Stück hab ich mit meinen engsten Kollegen gesprochen. Ohne Probleme (sind alle sehr jung). Und nächste Woche im monatlichen Meeting werden wir es vorraussichtlich dem Rest mitteilen.

Vor ein paar Tagen hatte ich dann mit meinen Eltern gesprochen. Ihnen erzählt dass ich vorhabe meinen Namen zu ändern, und Personenstand. Und gefragt ob sie sich einen Namen aussuchen wollen. Was soll ich sagen? Sie tun es und machen sich Gedanken. Richtig süß. Natürlich auch mit gemischten Gefühlen, es hat sich aber dennoch gut angefühlt. Genaugenommen hat es sich großartig angefühlt. Vor einem halben Jahr, ein paar Jahren, ja mein ganzes Leben wäre das nicht vorstellbar gewesen. Vorallem auch die Lockerheit des Ganzen.

Wieso also Crisis? Eigentlich ist doch alles perfekt? Wo ist das Problem? Alles Fragen die ich selbst noch nicht ganz verstehe. Nur eins weiß ich. Die letzten 4,5 Jahren hatte ich immer ein Ziel vor Augen. Es war immer da. Es schien unerreichbar. Jeder einzelne Schritt wie ein unüberwindbarer Berg. Einer nachdem anderen und der höchste Punkt dabei einfach nicht abzusehen.

Doch jetzt sehe ich diesen Punkt. Ich kann in absehbarer Zeit zu 99,9% ich sein. Ich hab das Vertrauen und die Unterstützung meiner Familie und meiner Freunde. Ich hab nicht mal jemanden verloren in der ganzen Zeit. Nichts ist so gekommen wie so oft befürchtet. In ein paar Wochen gehe ich vermutlich ohne mich zu verkleiden in die Arbeit. Und ein paar Monate später werde ich meinen neuen Namen im Pass lesen. Nebem einem wunderschönen „W“. Und da ist dieser höchster Punkt dann erreicht. Er nennt sich Normalität. Und das Gebirge das ich überwunden habe wirkt von hier aus nicht mehr so hoch und unüberwindbar wie es schien.

Hey, ich bin frei! Ich hab bald alles erreicht was ich mir an diesem einen Abend im Dezember 2009 noch nicht mal im Ansatz hatte vorstellen konnte. Und jetzt kommt die Crisis. Ich hab es vorhin Midlife-Crisis genannt, eigentlich Quarterlife-Crisis. Letzteres tritt häufig nach dem Studium ein wenn man sich in der Normalität des Arbeitsalltags wiederfindet und nicht weiß wohin es nun gehen soll. Vielleicht ist es in meinem Fall aber eher „Beginlife-Crisis“. Denn mein Leben fängt jetzt erst so richtig an. Und es scheint so vieles geregelt zu sein. Von Freunden und Familie bis hin zum Job. Alles gut. Alles sehr gut. Keine großen Ziele ableitbar. Eine Partnerin das würde noch fehlen, aber nichts was ich unter Kontrolle habe. Und so dümple ich bald auf dem See der erreichten Normalität. Ohne Orientierung, und ohne Ziel. Und mit Problemen die nicht neu sind. Probleme die nichts mehr damit zu tun haben dass ich trans* bin. Ich bin wieder zurück am Start und suche das Ziel.

Zugegeben es macht ein bisschen Angst. Nicht die schlimme Art, aber ein bisschen. Es macht auch ein bisschen deppresiv. Nicht die schlimme Art, aber ein bisschen. Es nimmt etwas Schwung. Nicht schlimm, aber ein bisschen.

Und alles nur weil es endlich wieder normal wird und alles gut ist. Nicht zu perfekt, aber ein bisschen schon.

Glück und wie es sich zeigt

31 Mai

Immer öfter sitze ich nur mit einem breiten Grinsen da. Nicht im jeden Moment nach aussen sichtbar, aber es ist da. Es passiert meistens in diesen Momenten an denen ich fühle dass ich angekommen bin. Angekommen in meinem Leben. In Momenten in denen ich nichts mehr vorspielen muss und ich einfach nur ich bin. Momente die vor nicht allzulanger Zeit so nicht vorstellbar waren. Es passiert dann wenn ich mich mit meinen Freunden im Biergarten treffen und einfach alles normal ist. Die Tatsache dass ich noch vor ein paar Monaten, oder letztes Jahr selbiges nur in meiner „männlichen Verkleidung“ getan hätte. Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Und selbst für die die mich das erste mal sehen (es aber wussten) nicht mal eine Bemerkung nötig ist. Dann sitze ich einfach nur da und haben mindestens innerlich ein dickes, breites Grinsen.

Ich habe mich selbst noch nicht ganz daran gewöhnt. Aber an schöne Dinge gewöhnen macht man ja gerne. Und wenn dann meine Freunde über mich als Schwester meines Bruders reden, sie mich als ihre Freundin vorstellen. Dann bin ich doch manchmal noch etwas überrascht. Überrascht und überglücklich. Und das Grinsen lässt sich dann kaum noch verbergen. Wenn auch meine Eltern sich langsam daran gewöhnen und meinen neuen Namen benutzen. Selbst wenn nicht alles richtig ist, jeder kleine Schritt ist wunderschön.

Wie viele mache ich mir viel zu viele Gedanken. Also wirklich vieeeeel zu viele. Was ich mir nicht alles gedacht habe bevor ich einen Schritt gewagt hatte. Es schien oft so wahnsinnig schwierig im vorhinein, und im nachhinein dann doch so einfach. Ein gutes Beispiel von gerade eben. In den ganzen letzten 4 Jahren in denen ich in dieser Wohnung lebe, hatte ich mit keinem meiner Nachbarn darüber gesprochen. Im Treppenhaus ist selten was los, und so bin ich immer.. (4 Jahre -> Immer) Aus dem Haus gekommen und das ich jemanden getroffen habe. Dementsprechend auch nie eine Situation aus der heraus man was hätte erklären können. Das ist ja schön und gut, aber hat letztendlich auch dazu geführt dass ich mich auf diesen ersten und letzten Meter immer unsicher gefühlt habe. Ich wollte ja keine spontanen Erklärungen machen. Egal ob man nun glaubt das sei notwendig oder nicht. Ich würde es tun wollen. Nun ja, und nachdem ich es mir nun schon länger vorgenommen hatte, habe ich eben mit meinem Hausmeister gesprochen. Etwas älter und stammt von weiter weg. Er ist immer sehr nett und dennoch wusste ich nie wie er wohl reagieren würde.. Nja, ganz einfach: „Das ist kein Problem. Jeder ist wie er ist. Das brauchst du mir nicht zu erzählen.“, und schon war die Sache abgehakt. 🙂

Also weniger Sorgen machen und den Menschen schon früher die Chance geben mich kennenzulernen. Hmm.. wobei, viele gibt es nicht mehr denen ich was vorspielen muss. Zielgerade und eben fast schon angekommen.

Danke.

Tragödien und was sie mit sich bringen

29 Mai

Morgen ist die Beerdigung meines Großvaters. Er ist 89 Jahre alt geworden. Es war im letzten Moment überraschend, aber auch schon ein paar Wochen abzusehen. Letztendlich ist es ja immer zu früh. Viel zu früh und egal wie alt.

Nachdem ich ja eigentlich schon gut angekommen bin im »Ich«, also dem »Ich, die Frau«, wurde es immer schwerer. Immer schwerer mich an meine Entscheidung zu halten meinen Großeltern nichts über meine Veränderungen zu erzählen, über mein »Ich«. Das tut jedes mal ziemlich weh sie anzulügen, etwas vorzuspielen. Aber die Motivation und der Grund dafür bleiben wichtiger.

Meinem Großvater hatte ich es also auch nie erzählt. Also fast nie. Wir hatten im Krankenhaus noch die Gelegenheit bekommen uns von ihm zu verabschieden. Fast die ganze Familie war da und so saßen wir voller Traurigkeit um sein Totenbett herum. Noch am Abend zuvor hatte ich an ihn gedacht und wie schade es doch ist dass er mich nie besser kennenlernen wird. Und so habe ich mir ein Herz genommen und es ihm als er friedlich im Bett vor mir lag ins Ohr geflüstert. »Opa, ich bin ein Mädchen. Du hast eine Enkelin.« Ich hatte mich zuvor emotional wieder gesammelt, aber diese Worte, wenn sie auch nur sehr leise waren, haben mich dann wieder überwältigt. Ich musste sie immer und immer wieder wiederholen. Und nicht nur der Schmerz des Verlustes, sondern auch die Gewissheit dass ich es ihm nun definitiv nicht mehr erzählen konnte. Ihm die Chance geben konnte seine Enkelin kennenzulernen. All das tat und tut auch noch immer so unheimlich weh.

Auch morgen wird es nicht leicht werden. Da ich es Omas und Großtanten ja auch nicht erzählt habe, muss ich morgen wieder Mann spielen. Selbst auf seinem letzten Weg kann mein Opa mich also nicht so sehen wie ich wirklich bin. Ich tue es für meine verbliebenen Großeltern, welche alle mit diversen Krankheiten kämpfen. Sie brauchen ihre Energie dafür, und ich will nicht dass sie sich um mich sorgen. Um etwas sorgen dass für sie womöglich noch schwieriger zu verstehen ist, und wofür auch sie keine Lösung haben. Ich will dass es ihnen gut geht. Das ist mir wichtiger, und deswegen werde ich das morgen schaffen.

Aber ich werde es nachholen. Ich werde ihn besuchen. Ich, wie ich wirklich bin.

 

Namensänderung

27 Jan

Ich bin immer noch am überlegen wie ich das mit der Namensänderung machen will. Einerseits hab ich immer weniger Lust mich wegen einem „falschen“ Namen auf Ausweisen, EC-Karten u.ä. zurückzuhalten. Theoretisch müsste ich es wohl auch nicht. Die Momente wo es jemanden interessieren kommen doch recht selten vor – bisher zumindest. Aber trotzdem halte ich mich irgendwie zurück, frag ob andere das Auto mieten können, das Hotelzimmer buchen können, usw. Das hat alles auch schon mit meinem eigenen Namen geklappt, aber trotzdem ist es immer ein doofes Gefühl. Also endlich ändern, oder?

Nja, noch brauch ich in manchen Situationen meinen alten Namen. Vordringlichstes Beispiel ist hier sicherlich die Arbeit. Einige Kollegen wissen zwar Bescheid, aber offiziell ist es in der Firma nicht. Und wenn ich meinen Namen ändere, muss ich alle Bankdaten und Verträge anpassen. Insofern erzwingt sich damit ein sonst noch nicht unbedingt notwendiges Outing :/ hmm… wobei ich das allerdings unabhängig davon anstrebe. Also wenn das getan ist (und damit mein Einkommen gesichert ist), dann könnte ich auch das mit dem Namen angehen.

Zugehörig ist natürlich auch die Frage nach der Änderung des Personenstands. Über das mach ich mir interessanterweise weniger Gedanken. Also ich denke wenn ich das mit dem Namen mache, ändere ich das auch gleich mit.

Aber auf den Namen bezogen sind das schon alles wieder so Hirngespinste wie bei jedem anderen Schritt vorher auch. Ich mach mir Gedanken ohne Ende und stell dann später fest dass es dann doch alles kein Problem war. Also mal sehen was wann passiert.