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Ein Brief an einen Freund

19 Jun

Wir hatten uns lange nicht gesehen. Und es ergab sich dadurch nie die Gelegenheit über mich zu sprechen. Jetzt 5 Jahre später hatten wir uns wieder gesehen. Und ja, meine Erscheinung ist wohl doch etwas anders als damals 😀

Er hat etwas zu knabbern an der Sache, aber tun wir das nicht alle?

[…]

Ich kann dich beruhigen.. die Akzeptanz, das Verständnis und die Toleranz die mir entgegnet wird ist derartig überwältigend dass es mir schwer fällt es in Worte zu packen. Mein Leben lang habe ich einen Teil von mir versteckt, vor anderen und auch vor mir selbst. Aus Scham, aus eigener Intoleranz gewachsen aus Unwissenheit und bis heute fehlenden Vorbildern die wirklich das wiedergeben dass ich wirklich bin.

Der schwierigste Teil dieser letzten Jahre waren nicht die anderen Menschen. Der schwierigste Teil war ich selbst. Angefangen von Selbstakzeptanz bishin zum Abbau von negativen Vorausahnungen wie andere wohl reagieren würden. Sie haben alle toll reagiert. Und auch wenn sie oder du vielleicht anfangs etwas an der Erkenntnis zu knabbern haben. Einfach nur weil man nicht weiß wie man damit umgehen soll. Weil man es einfach nicht kennt in unseren engstirningen Welt. So haben es alle deutlich schneller geschafft als ich selbst. Und vielen ist wohl bewusst dass es sie doch eigentlich gar nicht betrifft. Die Probleme und Herausforderungen liegen doch zu einem viel größeren Teil bei mir.

Ich habe gerade innerhalb der ersten zwei Jahre mich mehr mit meiner inneren Psyche und Identität beschäftigen können, als es viele sich in unserer Welt heute ihr ganzes Leben überhaupt trauen. Es ist viel einfacher sich den vorgegebenen Rollen anzupassen, sich anzugleichen und einfach dahin zu leben. Der Mut sich in das eigene Spiegelbild zu schauen und alles dies vorgegebene in Frage zu stellen, über Bord zu werfen, abzuschälen und die Person zu sehen die man eigentlich ist.. Dieser Mut ist nicht leicht. Und ich hab ihn mir nicht ausgesucht. Ich kam nicht mehr herum, mir blieb nichts anderes mehr übrig.

Wenn du den Moment erreicht hast an dem du die Selbstlüge nicht mehr erträgst. Dann wenn du jedes mal leidest wenn dich nach außen anders gibst. Dich verkleidest und anderen diese lebenslange Lüge vorspielst. Dann wenn du zu Hause zusammenbrichst weil dir das alles zu viel wird. Dann wenn du es nicht mehr wegdrücken kannst, es vor dir selbst zu verstecken. Wenn du gezwungen bist dich selbst als du selbst zu akzeptieren. Dann bist du an dem Punkt an dem Mut keine Rolle mehr spielt. Entweder man kämpft endlich dagegen an, oder wartet weitere Jahrzehnte in denen sich nichts ändert, außer das alles schwieriger wird.

Ich hatte nun also das Glück die eigene Lüge noch rechtzeitig zu durchdringen. So das ich mein Leben nun frei genießen kann. So das ich meinen Liebsten und Freunden in die Augen schauen kann ohne zu lügen. Und sie mich sehen, und nicht dieses seit kleinem perfekt eingespielte Bild von einer Person die ich nie war. Die vielleicht nett war und angenehm und keine Ahnung was. Aber sie war nur gespielt.. mit einer Perfektion dass ich schon selbst daran geglaubt hatte.

Wenn du mehr von meinem wahren Ich kennenlernen willst würde ich mich rießig freuen. Und scheue dich nicht davor Fragen zu stellen. Würde ich nicht erzählen was wirklich ist. Wie sollt ihr denn dann wissen wie es wirklich ist. Wie sollte sich die Gesellschaft ändern, wenn man die Wahrheit verschweigt und so tut als würde es Menschen wie mich nicht schon seit dem Ursprung der Menschheit geben?

[…]

 

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Eine Midlife-Crisis, wirklich?

20 Jun

Midlife Crisis. Ich glaub ich hab wieder sowas. Oder auch Quarterlife…, Third… wie auch immer. Das ist nicht entscheidend. Es hat sich in den letzten Wochen entwickelt. Erst dachte ich es hängt mit dem Tod meines Großvaters zusammen. Und das war und ist nicht leicht. Aber es geht dabei doch um etwas ganz anderes.

Ebenfalls in den letzten Wochen hatte ich den „Grundstein“ für die letzten verbleibenden Puzzleteile gelegt. Das Outing in der Arbeit vorbereiten. Ich fang wieder eine Festanstellung (mit ganz guten Konditionen *yay) an. Bei einen meiner Kunden, und bevor ich mich dazu entschieden hab, hatte ich mir die Rückendeckung der Chefs geholt. Und sie bekommen – für sie war es selbstverständlich. Stück für Stück hab ich mit meinen engsten Kollegen gesprochen. Ohne Probleme (sind alle sehr jung). Und nächste Woche im monatlichen Meeting werden wir es vorraussichtlich dem Rest mitteilen.

Vor ein paar Tagen hatte ich dann mit meinen Eltern gesprochen. Ihnen erzählt dass ich vorhabe meinen Namen zu ändern, und Personenstand. Und gefragt ob sie sich einen Namen aussuchen wollen. Was soll ich sagen? Sie tun es und machen sich Gedanken. Richtig süß. Natürlich auch mit gemischten Gefühlen, es hat sich aber dennoch gut angefühlt. Genaugenommen hat es sich großartig angefühlt. Vor einem halben Jahr, ein paar Jahren, ja mein ganzes Leben wäre das nicht vorstellbar gewesen. Vorallem auch die Lockerheit des Ganzen.

Wieso also Crisis? Eigentlich ist doch alles perfekt? Wo ist das Problem? Alles Fragen die ich selbst noch nicht ganz verstehe. Nur eins weiß ich. Die letzten 4,5 Jahren hatte ich immer ein Ziel vor Augen. Es war immer da. Es schien unerreichbar. Jeder einzelne Schritt wie ein unüberwindbarer Berg. Einer nachdem anderen und der höchste Punkt dabei einfach nicht abzusehen.

Doch jetzt sehe ich diesen Punkt. Ich kann in absehbarer Zeit zu 99,9% ich sein. Ich hab das Vertrauen und die Unterstützung meiner Familie und meiner Freunde. Ich hab nicht mal jemanden verloren in der ganzen Zeit. Nichts ist so gekommen wie so oft befürchtet. In ein paar Wochen gehe ich vermutlich ohne mich zu verkleiden in die Arbeit. Und ein paar Monate später werde ich meinen neuen Namen im Pass lesen. Nebem einem wunderschönen „W“. Und da ist dieser höchster Punkt dann erreicht. Er nennt sich Normalität. Und das Gebirge das ich überwunden habe wirkt von hier aus nicht mehr so hoch und unüberwindbar wie es schien.

Hey, ich bin frei! Ich hab bald alles erreicht was ich mir an diesem einen Abend im Dezember 2009 noch nicht mal im Ansatz hatte vorstellen konnte. Und jetzt kommt die Crisis. Ich hab es vorhin Midlife-Crisis genannt, eigentlich Quarterlife-Crisis. Letzteres tritt häufig nach dem Studium ein wenn man sich in der Normalität des Arbeitsalltags wiederfindet und nicht weiß wohin es nun gehen soll. Vielleicht ist es in meinem Fall aber eher „Beginlife-Crisis“. Denn mein Leben fängt jetzt erst so richtig an. Und es scheint so vieles geregelt zu sein. Von Freunden und Familie bis hin zum Job. Alles gut. Alles sehr gut. Keine großen Ziele ableitbar. Eine Partnerin das würde noch fehlen, aber nichts was ich unter Kontrolle habe. Und so dümple ich bald auf dem See der erreichten Normalität. Ohne Orientierung, und ohne Ziel. Und mit Problemen die nicht neu sind. Probleme die nichts mehr damit zu tun haben dass ich trans* bin. Ich bin wieder zurück am Start und suche das Ziel.

Zugegeben es macht ein bisschen Angst. Nicht die schlimme Art, aber ein bisschen. Es macht auch ein bisschen deppresiv. Nicht die schlimme Art, aber ein bisschen. Es nimmt etwas Schwung. Nicht schlimm, aber ein bisschen.

Und alles nur weil es endlich wieder normal wird und alles gut ist. Nicht zu perfekt, aber ein bisschen schon.

Namensänderung

27 Jan

Ich bin immer noch am überlegen wie ich das mit der Namensänderung machen will. Einerseits hab ich immer weniger Lust mich wegen einem „falschen“ Namen auf Ausweisen, EC-Karten u.ä. zurückzuhalten. Theoretisch müsste ich es wohl auch nicht. Die Momente wo es jemanden interessieren kommen doch recht selten vor – bisher zumindest. Aber trotzdem halte ich mich irgendwie zurück, frag ob andere das Auto mieten können, das Hotelzimmer buchen können, usw. Das hat alles auch schon mit meinem eigenen Namen geklappt, aber trotzdem ist es immer ein doofes Gefühl. Also endlich ändern, oder?

Nja, noch brauch ich in manchen Situationen meinen alten Namen. Vordringlichstes Beispiel ist hier sicherlich die Arbeit. Einige Kollegen wissen zwar Bescheid, aber offiziell ist es in der Firma nicht. Und wenn ich meinen Namen ändere, muss ich alle Bankdaten und Verträge anpassen. Insofern erzwingt sich damit ein sonst noch nicht unbedingt notwendiges Outing :/ hmm… wobei ich das allerdings unabhängig davon anstrebe. Also wenn das getan ist (und damit mein Einkommen gesichert ist), dann könnte ich auch das mit dem Namen angehen.

Zugehörig ist natürlich auch die Frage nach der Änderung des Personenstands. Über das mach ich mir interessanterweise weniger Gedanken. Also ich denke wenn ich das mit dem Namen mache, ändere ich das auch gleich mit.

Aber auf den Namen bezogen sind das schon alles wieder so Hirngespinste wie bei jedem anderen Schritt vorher auch. Ich mach mir Gedanken ohne Ende und stell dann später fest dass es dann doch alles kein Problem war. Also mal sehen was wann passiert.

Ist Facebook wirklich notwendig?

22 Sep

Mein Plan für die nächsten Wochen oder Monate (kein Zeitdruck) ist ja mich auch auf Facebook zu outen. Also gemeint ist damit meinem gesamten privaten Bekanntenkreis mitzuteilen dass ich eine Frau* bin. Grundsätzlich wieso? Nun ja, damit ich bspw. beim Fotos posten nicht mehr aufpassen muss. Und wieso Facebook? Nja, Facebook ist eher eine Metapher für den gesamten privaten Bekanntenkreis – den der tummelt sich eben schön versammelt da. Also ein wunderbarer Ort um sie hoffentlich alle zu erwischen.

Klingt ja schonmal nicht schlecht. Ein Freund dem ich davon erzählt hab meinte darauf als erste Reaktion: „Ist es denn wirklich notwendig? Es wissen doch eh schon wie viele? 60? Und alle fanden es gut? Sei doch einfach du selbst, der Rest kommt damit klar, oder eben nicht. Nichts worum du dich sorgen musst – du hast, wie du weißt, auch so eine menge guter Freunde.“ Bam! Damit hat er allerdings irgendwo recht. Warum will ich eigentlich unbedingt alle einweihen? Mal wieder etwas zum Nachdenken *g.

Aber dankenswerterweise hat diesmal der Alltag sich um die Antwort gekümmert. Es war an meinem Dirndl-Kauf-Tag. Dazu bin ich wie man sich das vorstellt halt in die Stadt gefahren. Nichts weiter dramatisch und läuft alles prima. Aber auf dem Heimweg gibt es immer eine kleine Hürde – das Treppenhaus. Erstaunlicherweise hatte ich die letzten 3 Jahre nur eine Begegnung als Frau mit einer Nachbarin. Sonst nichts. Insofern auch noch kein Outing. Und keine Ahnung wer was sieht oder gesehen hat, in meinem Kopf bzw. Psyche weiß noch niemand meiner Nachbarn davon. Insofern auch die Scheu vor dem Treppenhaus. Da gibt es keine Möglichkeit auszuweichen und schon würde ich in fragende Gesichter kucken. Und im Treppenhaus, spontan, outen und erklären ist irgendwie immer noch keine Traumvorstellung. Wäre es schlimm? Vermutlich nicht, aber haben muss ich es trotzdem nicht. Ein Umstand der dazu führt dass ich immer durch selbiges Treppenhaus eile um möglichst schnell entweder draussen oder in der Wohnung zu sein.

Und ich hasse es. Nur weil ich es Jemanden – in dem Fall den Nachbarn – nicht erzählt habe, bekomme ich leichte Panikattacken und scheue mich manchmal regelrecht davor heimzugehen. Sind alles irgendwo Hirngespinster aber sie sind nun mal da. Von alleine weggehen tun sie jedenfalls auch nicht so einfach. Wie ich das mit den Nachbarn löse wird die Zeit zeigen. Aber die Situation hat mir auch gezeigt warum ich mein Facebook-Outing will. Ich will nicht auf irgendwelche Parties gehen und innere Panikattaken kriegen wenn jemand da ist, der/die es noch nicht weiß. Egal ob sie gut oder schlecht reagieren. Egal ob es egal ist wie sie reagieren. Ich krieg wieder Panik. Schränke mich deswegen vorher ein. Und alles nur weil ich es nicht allen irgendwie erzählt hatte. Das Outing aus der Situation heraus ist für mich immer noch nichts worauf ich im geringsten Lust habe.

Irgendwie werde ich es allen mitteilen. Vielleicht nur subtil über die Auswahl eines Geschlechts im Profil und anderen Profilfotos. Oder doch mit einem Post bzw. Blogeintrag oder so. Hauptsache ich kann aufhören mir unnötige Sorgen zu machen.

Burning Man und die Frage nach dem Abschied

21 Sep

Ja, dieses Jahr war es wieder soweit. Ich war bei Burning Man. Und ich werde einfach nicht wieder davon schwärmen wie toll es ist – für Genderqueers, Trans* und alle anderen Menschen. Es ist es einfach und ich kann es nur empfehlen. Dieses mal möchte ich davon erzählen welche Frage ich dort gefunden habe, mir gestellt hatte und letztendlich eine Antwort gefunden habe. Es war die Frage nach dem Abschied.

Um zu erklären was ich damit meine und wie ich darauf gekommen bin muss ich kurz ausholen. Ich bin wieder mit meinem Bruder zum Burn gefahren, nur diesmal hatten wir zwei langjährige Freunde dabei. Geortet habe ich mich schon vor unserer Abreise. Einmal einige Monate und einmal wenige Wochen zuvor. Es war ein eher theoretisches Outing – so wie sie alle sind. Also ich erzähle davon, von mir, wie es mir geht und beantworte aufkommende Fragen so gut es geht. Danach ist meist allen halbwegs klar um was etwas geht. Nicht in jedem Detail, aber ich glaube dass es genug ist um zu erahnen was es bedeutet.

Wir sind über Las Vegas zum Burn gefahren. Und die ersten Tage waren nicht ganz einfach. Zum einen wollte ich unbedingt ganz ich sein, aber konnte es noch nicht so ganz. Bei Reisen mit Passkontrollen fühl ich mich noch immer männlich-androgyn sicherer. Reservierungen am Hotel die auf Namen gehen und das selbige für Wohnmobile erzeugen das gleiche. Ich hab da immer noch eine Scheu davor. Und das Resultat war natürlich auf anderer Ebene nicht ganz so einfach. Nämlich dass ich nicht wirklich eindeutig weiblich aufgetreten bin. Meine Freunde versuchten aber schon sich an selbiges zu gewöhnen. In keinster Weise dass das etwas schlechtes ist. Aber es braucht halt einfach etwas sich an einen anderen Namen und andere Pronomen zu gewöhnen. Über das Engagement war ich jedenfalls sehr positiv überrascht 🙂 Musste aber auch verständlicherweise hören dass es einfacher wäre wenn ich eindeutiger auftreten würde. Etwas dass ich nach den offiziellen Reservierungszeugs auch endlich machen konnte.

Nun die Frage nach dem Abschied kam da noch nicht auf, aber schon ein paar Tage später. Inzwischen waren wir in Black Rock City angekommen und hatten gerade die ersten ein-zwei atemberaubende Nächte hinter uns. Wir saßen vor dem Schlafen in unserem Dome und haben uns etwas unterhalten. Irgendwann über mich, Transsexualität und was das alles so bedeutet. Meine beiden Freunde hatten mir wieder ein paar Fragen gestellt, ich geantwortet und irgendwann haben sich die beiden darüber unterhalten. Und da viel ein unscheinbarer Satz der mich zum Nachdenken (das ist gut 😉 ) gebracht hatte. Und zwar sagte einer der beiden „Für mich ist <männlicher Name> nicht da, er konnte nicht und dafür ist eben Amelie da, und das ist gut so.“. Wie ich finde ein durchaus schöner Satz und eine schöne Botschaft – die auch durch mehr als nur diesen rausgepickten Satz rüberkam.

Ich hab angefangen darüber nachzudenken was er für mich bedeutet. Und letztendlich mündeten diese Gedanken in der Frage ob ich mich von meinem „alten“ männlichen Ich verabschieden sollte oder gar muss. Es war die Frage ob es „ihn“ nicht mehr gibt wenn „sie“ da ist. Ob es besser ist, für mich und für andere. Ob es leichter zu verstehen ist, ob man leichter damit umgehen kann – also ob man leichter „sie“ akzeptieren kann. Akzeptieren im Sinne von Umstellung in Sprache und Denkweise. Vom „er“ zu „ihr“, von Bruder zu Schwester, von Freund zu Freundin, von Mann zu Frau. Ich denke ja – es ist einfacher. Und am selben Abend bzw. der ausklingenden Nacht saß ich nun da und wurde traurig. Ich bekam das Gefühl jemanden zu verlieren. Jemand der mir nicht unwichtig ist. Jemand der ein großer Teil meiner Selbst ist. Jemand der meine Geschichte ist. Jemand der ich bin.

Die Frage hat mich dann über die gesamte Woche nicht losgelassen, bzw. mich immer wieder eingeholt. Es gab noch viele andere Themen, auch bezogen auf trans* und Identität. Zum Beispiel die Frage ob ich Männer küssen würde? Ich hab’s getan um es auszuprobieren. Ein französischen Kuss mit einem Franzosen, das war es wert *g. Allerdings auch eine Bestätigung dass ich Männer nun doch nicht noch öfter küssen möchte. Also ich wusste das. Allerdings gab es ein paar andere des männlichen Geschlechts die das anders sahen und ich leider enttäuschen musste. Eine andere Frage war die Frage nach meiner grundsätzlich romantischen-sexuellen Ausrichtung. Das mal in aller Ruhe ergebnisoffen durchzudenken war wirklich interessant. Auch wenn ich auf die gleichen Antworten wie schon so oft gekommen bin. Männer-Männer gehen gar nicht. Aber wir leben ja auch nicht hier im Schwarz-Weiß, also wo liegt die Grenze? Die Antwort ist unterschiedlich. Nüchtern betrachtet stehe ich ganz klar auf feminine Körper, ich hab einen Kinderwunsch und emotional wäre es eigentlich egal – bisher aber immer Frauen. Romantisch wäre mit sehr femininen Männern vorstellbar, sexuell reicht das nicht aus. Und letztendlich hängt es dann doch einfach von der Person ab. Ob nun Frau, Mann, Transmann, Transfrau, Genderqueer oder ganz anders – entscheidend ist die Liebe. Um das mal geklärt zu haben.

Zurück zu meiner für mich erstmal viel wichtiger Frage. Muss ich mich von meinem alten männlichen Ich wirklich verabschieden? Das wär schade, denn ich glaube „er“ ist ein wirklich netter Kerl. Und auch wenn „er“ bleiben keine Option ist, ihn ganz loszuwerden fühlt sich ein bisschen wie töten an – krass ausgedrückt.

Das wunderbare an Burning Man ist dass man unheimlich viel und intensiv nachdenken kann. Es gibt so viele Möglichkeiten Dinge direkt auszuprobieren, so viele einzigartige Eindrücke die auf einen Einprasseln, aber das Nachdenken ist für mich das Tollste. Es fühlt sich manchmal ein bisschen wie Schummeln an. In so kurzer Zeit komm ich mit meinen Gedanken so viel weiter. Egal wie komplex und intim und weitreichend die Fragen sind, am Ende der Woche sind sie häufig beantwortet. Und so war das auch mit dieser Frage, am letzten Tag hatte ich die Antwort. Es war der Tempel-Burn und als ich vor dem Feuer stand, mit tausenden Menschen um mich herum die ebenfalls mit Tränen in den Augen ähnliches taten, wurde es mir klar. Es war plötzlich völlig klar und die Erleichterung brachte ein paar Tränen in die Augen. Ich war erleichtert weil ich eine Antwort gefunden habe. Und die Antwort war: Nein, ich muss mich natürlich nicht von meinem alten männlichen Ich verabschieden. Es gibt kein männliches oder weibliches Ich von mir. Es gibt nur mich. Und beide Teile sind ein berechtigter Teil von mir. Nur durch beide Teile bin ich ein Ganzes. Und ohne meine männlichen Anteile wäre ich nicht der Mensch der ich eben bin.

Klar wäre es einfacher, aber seit wann geht es um einfacher? Es geht um ehrlicher mit sich selbst und allen anderen zu sein. Und wie genau sich diese Erkenntnis dann auf meinen Alltag auswirkt das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber es hat mich verändert. Wie? Nun ja, auf der Hinreise hatte ich mir noch immer Sorgen über alles mögliche gemacht. Ich wollte meine Kreditkarte nicht benutzen – da steht ja der männliche Name drauf. Ich wollte nicht weiblich durch Zoll und Passkontrollen. Ich wollte nicht dass man durch so etwas dämliches wie eine Karte oder Pass erkennen dass ich womöglich nicht ganz Frau bin. Aber wisst ihr was, ich hatte immer noch Make-up, BH, Top, enge Jeans an und meine Handtasche umhängen als ich die USA verlassen hatte. Und wisst ihr noch was? Es war kein Problem, nur der Name im Pass musste zum Namen auf dem Ticket passen. Und das letzte Abendessen am Flughafen? Das hab ich mit Kreditkarte bezahlt. Und wieder zu Hause das Dirndl? Mit EC-Karte im C&A. Das Dirndl umtauschen? Mit EC-Karte im C&A. Das andere Dirndl kaufen? Mit EC-Karte in einem kleinen Laden am Rande der Stadt. Und war es ein Problem, natürlich nicht 🙂 Das war es nur in meinem Kopf, und mit etwas Hilfe vom Burn hab ich jetzt auch diese Blockade durchbrochen. YAY!

Und jetzt?

19 Sep

Vor einigen Wochen musste ich feststellen dass ich fast „durch“ bin, mit den Outings. Damit meine ich dass ich es schon so vielen erzählt habe, dass es eh eigentlich alle wissen. Ich hatte mir dabei viel Zeit genommen, da ich nicht das Gefühl hatte irgendetwas überstürzen zu müssen. So hatte ich auch jede Menge Zeit mich selbst zu finden, oder anders gesagt, mich immer genauer zu finden. Fortschritt hatte ich dabei aber immer irgendwie an den Outings festgemacht. Es war eins meiner wichtigen Ziele es „allen“ zu erzählen. Nun, jetzt hab ich das fast geschafft und steh plötzlich vor der Frage „Was jetzt?“.

Im ersten Moment hat mich diese Frage auch umgehauen. Im Sinne von totaler Begeisterung und gleichzeitiger Ratlosigkeit. Ich war mir nicht sicher was jetzt kommt. Wie es genau weiter geht. Weiter halt, aber was bedeutet das denn wiederum? Wie will ich mein Leben, meinen Alltag denn nun wirklich gestalten. Grundsätzlich bin ich ja immer noch bei meiner 80/20 Einschätzung. Ich fühle mich und bin zu 80% weiblich, und so 20% männlich. Was eine seeeeeeehr stark vereinfachte Ausdrucksweise ist! Aber man kann ja nicht immer das wibbelige-wobbelige Dings das sich Gender-Identität nennen mag in Worte fassen.

Wenn ich mich nun an den 80 zu 20 bzw. 4 zu 1 festhalte ist mein Ziel letztendlich, und nicht erst seit kurzem, mein Leben dem anzupassen. Wegen Arbeit und fehlenden Outings war das gelebte Verhältnis bisher eher 1 zu 4. Dass das auf Dauer immer unerträglicher wird will ich gar nicht erzählen. Ich bin auf der Suche nach einer Lösung. Und 100% weiblich immer und zu jeder Zeit scheint mir eben auch nicht richtig. Weil dann mach ich ja das gleiche wie vorher. Ich unterwerfe mich dem eingeschränkten Prinzip der Binarität. Aber die ist Quatsch! Es gibt mehr als nur schwarz und weiß. Und ich seh es nicht ein dieses völlig falsche Verständnis bedingungslos zu unterstützen. Ich suche meinen Weg. Und der liegt dazwischen, deutlich mehr auf der weiblichen Seite, aber eben immer noch dazwischen.

Ein nächster Schritt, einer der vor erst letzten zum Thema Outing, ist Facebook. Mir fehlen nur noch ein paar enge Freunde denen ich es persönlich erzählen und ggf. erklären möchte. Danach bin ich bereit es auch alle andere wissen zu lassen. Denn es soll jeder wissen so dass ich mir keine Gedanken mehr machen muss – bzw. vermutlich unnötig mache. Wie genau ich das mache, dass weiß ich allerdings noch nicht.

Eine intensive Woche

4 Aug

Die letzte Woche war in vielerlei Hinsicht intensiv. Ich hab 7 Outings geschafft. Yay! Und die Reaktionen haben mich umgehauen. Sie waren alle positiv, haben mich bestärkt und mir Mut gegeben. Das hat mich dazu gebracht etwas zurück zu sehen und mal grob nachzuzählen. Knapp 60 Menschen, Freunde, Bekannte, Familie hab ich eingeweiht, und alle waren positiv. Ich bin damit fast alle durch, alle meine Freunde stehen zu mir. Und diese Erkenntnis hat mich umgehauen, denn so ganz selbstverständlich ist das leider nicht. Aber es ist wahr und ich kann behaupten meine Freunde sind nicht nur Bekannte die ich öfters sehe. Nein, es sind wirkliche echte Freunde und ich unbeschreiblich glücklich.

Gestern Nacht hatte ich es nicht nur endlich nach langer Zeit geschafft einen lieben Freund einzuweihen, ich hatte auch mit einer Freundin ein längeres Gespräch. Spät abends nach der Party. Sie wollte mehr erfahren, wie es mir denn nun wirklich geht. Ich hatte schon lange nicht mehr ein so intensives Gespräch. So viele Emotionen die ich nicht mehr unterdrücken konnte. Die Probleme mit denen ich noch immer kämpfe kamen einfach nur so heraus. Meine kleine Fassade hinter der ich mich sonst im Alltag verstecke ist dabei einfach so dahingebröckelt. Es ging um Liebe, der Sehnsucht nach einer Partnerin, meine eigene Identität, wie ich mein Leben einteilen will und was vielleicht einfacher wäre, also ob es binär nicht einfacher wäre aber dass ich mich nicht in etwas hineinzwängen lassen will. Unser Gespräch hat so einiges an vernachlässigten Fragen aufgeworfen und mich zum Nachdenken gebracht.

Heute hatte ich dann auch einen richten Kater. Aber nicht durch Alkohol bedingt, ich hatte einen emotionalen Hangover. All die Fragen waren und sind noch immer in meinem Kopf. Meine Gedanken und Gefühle total aufgewühlt. Alles zwischen überglücklich und deprimiert war und ist heute dabei. Und eine dieser Fragen beschäftigt mich besonders: Soll ich, oder viel eher, wann höre ich auf zwischendurch Mann zu spielen? Anders gefragt soll ich „Vollzeit“ ich sein? Eine Frage wenn man sie so vor sich stehen sieht nicht mehr so leicht als solche zu erkennen ist.

Eigentlich ist es ein No-Brainer und die Antwort ist: Ja, so schnell wie möglich. Aber es nicht ganz so einfach. Es ist wieder ein Schritt. Ein Schritt der wieder Kraft kosten wird, so wie bisher alles so einiges an Kraft gekostet hatte. Es war es hundertmal wert, jedes einzelne Mal. Aber anstrengend ist es trotzdem. Meine Ex meinte in unserem allerletzten Gespräch, bevor sich unsere Wege für immer trennten, ich sei nicht so stark. Sie meinte ich würde es nicht schaffen. Aber wisst ihr was? Ich kann es! Ich hab jetzt schon so viel geschafft, alles andere werde ich auch schaffen. Bald hab ich es allen erzählt und dann wird sie mitbekommen dass sie sich geirrt hat. Ich werde bald aufhören mich zu verstecken, mich zu verheimlichen, denn wissen tun es bald eh alle. Und wenn es kein Geheimnis mehr ist wird sie sehen dass ich es geschafft hab. Aber tue ich es aus diesem Grund? Nein. Ich kämpfe um mein Leben nicht deswegen, ich kämpfe darum um meines eigenen Willens. Der Wille glücklich sein zu können.

Einige dieser Fragen von gestern Nacht werde mich noch einige Zeit begleiten. Und auch wenn es etwas dauert, es werden sich Antworten dafür finden, da bin ich mir sicher.